2013-09-08

Der Flug und der erste Tag

Im September 2013 flog ich zu einem Auslandsstudium nach Japan. Neun Monate würde ich an der Nanzan-Universität in Nagoya studieren.

Es hatte seit Jahren zu meinem größten Wunsch gehört, endlich nach Japan zu kommen und wenn, dann schon so lang wie möglich. Da ich während meiner Schulzeit nie genug Geld hatte, um derart teure Reisen zu machen oder einen Schüleraustausch (der ja auch locker an die 10.000€ kosten kann), war meine einzige Hoffnung ein Studium der Japanologie und in diesem Rahmen ein Auslandsstudium! 


Ich entschied mich für die Heinrich-Heine-Universität, da diese Uni ein Austauschprogramm hat, bei dem man relativ günstig nach Japan kommt. Zumindest muss man keine Studiengebühren in Japan zahlen, was der größte Kostenfaktor sein dürfte.


Um mehr über das Studium und das Austauschprogramm meiner Uni zu informieren, habe ich einen eigenen Post geschrieben.



Ich flog also von Frankfurt nach Nagoya.
2013 konnte man nur von Frankfurt aus per Direktflug nach Japan fliegen (mittlerweile ist dies auch von Düsseldorf aus möglich). In Anbetracht der Tatsache, dass ich noch nie so weit geflogen war, wählte ich eine Fluglinie mit gutem Ruf und einer direkten Flugroute nach Japan, ohne lästiges Umsteigen. Schließlich hatte ich für diesen Fall neben dem Studium geackert und Geld gespart (trotzdem hat mir meine Mutter noch ziemlich viel finanziell geholfen, wofür ich ihr unendlich dankbar bin).




Ich habe zwar keine Flugangst, mag Fliegen aber dennoch nicht so gern. Ich weiß, dass es eigentlich irrational ist. Ich kenne die Zahlen und Fakten darüber, wie sicher das Fliegen ist. Auch wenn man sich in einen Zug setzt,  begibt man sein Leben völlig in fremde Hände. Und auch beim Auto fahren ist man so gesehen eigentlich relativ machtlos: Was kann man schon tun, wenn jemand beispielsweise einfach in einen rein fährt. 
Aber trotzdem ist man doch beim Fliegen besonders nervös. Wahrscheinlich weil einem in der Luft erst richtig bewusst wird, wie machtlos man eigentlich ist.

































Ich gewöhnte mich relativ schnell ans Fliegen und genoss die Aussicht auf Deutschland von oben und war wirklich etwas wehmütig, weil ich wusste, dass mein Freund und meine Freunde irgendwo dort unten waren und ich sie gut ein Jahr nicht wiedersehen würde.


Während des Fluges lernte ich meine erste Fluglektion: Man darf zwar keine Getränkeflaschen von draußen durch den Zoll mitnehmen, aber man darf sehr wohl im Duty Free-Bereich Getränke kaufen und dieses mit ins Flugzeug nehmen.
Ich sagte schon, ich war noch nie so weit geflogen und auch sonst niemand aus meiner Familie. Und auch sonst wussten wir über derartige Dinge nicht viel. :D

Ich hatte während des Fluges ziemlichen Durst. Dass der junge Japaner neben mir eine große Flasche Wasser dabei hatte, machte es nicht besser.
Ich lernte sehr schnell, mir das Wasser, das die Flugbegleiterinnen einmal pro Stunde ausschenkten, einzuteilen.





Es gab natürlich auch Speisen an Bord. Für mich war alles unglaublich aufregend und neu.
Man konnte sogar wählen zwischen einem deutschen Menü und einem japanischen Menü. Gut, als ich an der Reihe war, gab es beides nur noch stückig. Also bekam ich das deutsche Menü mit ein paar japanischen Beilagen. 
Ich war Flugneuling und vor allem Langstreckenneuling. Ich war begeistert von dem reichhaltigen Menü und fand es auch ziemlich gut. Zumindest hatte ich in der Mensa meiner Uni schon schlimmeres gegessen.



Der Zitronenkuchen war besonders gut.



Und als es später als Snack ein richtiges Onigiri gab, wähnte ich mich auf dem luxuriösesten Flug aller Zeiten. Wie schon gesagt, es war ohnehin mein erster Langstreckenflug gewesen und da in Düsseldorf jedes Onigiri locker 2,50-3€ kostet, war ich ziemlich hingerissen, als mir auf dem Flug tatsächlich eines geschenkt wurde :D

Kurz darauf musste man die Fenster schließen und sich auf den Nachtflug einlassen. Ich verbrachte die Zeit damit, Filme zu schauen und Musik zu hören.

Irgendwann schlief ich wohl ein oder verfiel zumindest in eine Art Dusel. Als ich wieder aufwachte, war es stockdunkel und ich hatte schrecklichen Durst. Allerdings musste ich noch ziemlich lange warten, bis wieder eine Flugbegleiterin vorbeikam. Ich verfluchte mich immer wieder, mich nicht vorher über die genauen Getränkebestimmungen an Bord informiert zu haben. Ich war nämlich der felsenfesten Überzeugung gewesen, man dürfe keine Flaschen mit an Bord nehmen. Dass man aber nach der Zollkontrolle, im Duty Free-Bereich serwohl Getränke kaufen durfte, war mir schlichtweg entfallen. Ich sag ja, ich war ein Flug-Newbie.





Alles in allem war der Flug aber angenehm und ich wurde mit wunderschönen Wölkchen am nächsten Morgen begrüßt.







Das Frühstück war englisch. In jedem Sinne des Wortes.
Nein, aber es war wirklich etwas zu fettig. Aber man soll ja nicht meckern. Immerhin war es reichhaltig.



Und dann landete  das Flugzeug nach 11 Stunden in der Luft den Chubu-Airport in Nagoya.








Ich hatte mir vorher nicht überlegt, wie es ein würde, in Japan anzukommen und als ich dort war, war alles relativ unspektakulär. Ich folgte der Menge und gelangte ganz automatisch zur Zollkontrolle. Dort schaffte ich es irgendwie, eine der letzten in der Schlange zu sein und durfte nach ewigem Warten endlich meinen Pass mit meinem Studentenvisum in die behandschuhten Hände des Zollbeamten in seinem einschüchternd hohen Schalter zu reichen, meine Fingerabdrücke abzugeben und mein müdes, ungeschminktes Gesicht fotografieren zu lassen.

Irgendwann kam ich heraus und wurde von Ken erwartet. Es tat mir Leid, ihn so lange hatten warten lassen aber der japanische Mitbewohner meines Studentenheims wartete unverwüstlich mit einem Pappschild in der Hand auf mich und eskortierte mich durch den Bahnhof bis zum Zug.
Das erste was ich empfand war: Hitze. Schwüle, feuchte Hitze.
Ich hatte gewusst, dass es im September in Japan heiß und schwül war aber als Westeuropäer mit einer Auslandserfahrung, die gerade mal von Shoppingnachmittage in Holland und eintägige Busreisen nach Brügge beinhaltete und deren Höhepunkt eine Woche in Frankreich vor ca. 5 Jahren darstellte, kann man sich wohl nicht vorstellen, was tropische heiße schwüle Hitze wirklich bedeutet. Die Beschreibung: Als wäre die ganze Welt ein feuchter Trockner trifft es schon ganz gut.




Meine erste Fahrt mit einem japanischen Zug. Ich hatte nicht erwartet, dass einige Klischees doch irgendwie so schnell bestätigt wurden: Überall war bunte Werbung voller niedlicher Tierchen und bunter Bilder. 
Und alles war sauber. Das viel mir sofort auf und galt für den ganzen Rest Japans: Die Böden, die Gebäude, die Bahnhöfe, Bahnsteige, die Züge - alles sauber. Nirgends Graffiti, Kaugummi, Müll, Edding-Geschmiere oder zerkratzte Fenster. Erster Eindruck: Wow.

Ich glaube, ich versuchte ein paar Worte mit Ken zu wechseln, gemischt auf Japanisch und Englisch. Aber irgendwann saß ich wohl nur noch da und schaute mich um und versuchte gleichzeitig, nicht zu auffällig herumzuschauen.
Das hatte ich mir vor meiner Reise schon vorgenommen: Ich wollte mich so schnell wie möglich anpassen und nicht sonderlich "touristisch" auffallen. Nur so, war ich der Meinung, könne ich mein Jahr genießen und hoffentlich ohne größere Probleme durchkommen. Indem ich versuchte, wie ein unbeschriebenes Blatt zu sein und mich von Japan be-schreiben zu lassen :D

Nachdem wir also ungefähr eine dreiviertel Stunde bis zu irgendeinem Bahnhof gefahren waren, hatte ich die Ehre, direkt am ersten Tag Taxi zu fahren.
Ich hatte gewusst, dass japanische Taxifahrer Handschuhe und Uniform trugen und dass die Türen von alleine aufgingen. (Hatte ich schon gesagt, dass ich jede Japan-Doku konsumiert hatte, die ich im Internet oder im TV finden konnte?)
Aber all das live zu erleben, war einerseits noch viel aufregender und gleichzeitig irgendwie dann doch ganz normal.




Genau wie der Anblick meines Wohnheims dann doch ein wenig ernüchternd war, war alles andere: Auf positive Weise ernüchternd. Als ich dann da war, dachte ich in der Tat nicht die ganze Zeit: "Oh mein Gott, ich bin in Japan! Ist das alles aufregend!" Viel mehr ließ ich alles auf mich zukommen. Es ist eben doch einfach so: Man ist sich selbst die ganze Welt. Ob man in Deutschland ist oder in Japan, man merkt plötzlich, dass es doch nur eine Welt ist. Obwohl Japan zugegebenermaßen schon eine extrem tolle Version dieser Welt ist, aber dazu unten mehr...




Ich wurde warm empfangen im Wohnheim und nachdem ich meine Sachen abgelegt hatte und die ersten Formalitäten (Schlüsselkarte, Zimmer, Bettzeug etc.) geklärt waren, nahmen mich ein paar Kommilitonen mit, zum Supermarkt zu gehen, damit ich meine ersten Einkäufe verrichten konnte. Im Supermarkt wurde mir dann mehr und mehr klar, dass ich nun doch in Japan war. 
Es klingt lächerlich, aber was mir wieder und wieder durch den Kopf schoss war: Wow, die sind hier wirklich ALLE Japaner und die sprechen ALLE Japanisch! 
Verrückt aber wahr. Und wer zum ersten Mal nach Japan geht (als Nicht-Asiat) wird mir sicher zustimmen. So ist das, wenn man zum ersten Mal erlebt, in ein Land zu kommen, in dem zumindest die breite Masse ethnisch vollkommen anders aussieht als man selbst.

Nachdem ich meine Einkäufe verrichtet hatte, ging ich dann die Gegend erkundigen. Es war immer noch schwül. Und grau. Und viel zu heiß. Ich fühlte mich nun doch etwas unwirklich. Ich hatte keine Ahnung, wie sich ein Jetlag anfühlte. Alle Beschreibungen, die ich kannte, trafen nicht zu: Ich war nicht übermüdet, hatte keine Kopfschmerzen, dachte nicht, es müsse  eine andere Uhrzeit oder Tageszeit sein, hatte weder Appetitlosigkeit noch Heißhunger oder sonst irgendein Beschwerden. Ich fühlte mich nur etwas hilflos und seltsam entrückt.





Trotzdem wollte ich meine Umgebung erkunden. Allein. Ich brauche Zeit allein. Also machte ich einen Spaziergang.
Das Wohnheim lag in einer ruhigen kleinen Nachbarschaft in direkter Nähe zu Uni. Nachdem ich einmal um die Ecke gegangen war, sah ich schon den berühmten "Nanzan-Hügel", der zur Uni führt. "Nanzan" bedeutet übrigens soviel wie "Südlicher Berg". Ob die Universität im Süden und dort auf einem Berg liegt, oder ob der Berg einfach "Südlicher Berg" heißt, weiß ich bis heute nicht. 
Streng genommen ist es auch kein Berg, sondern ein extrem steiler Hügel. Man will ja nicht übertreiben.






Egal wo man in Japan ist, Kombini sind nicht weit. 
In Japan sind Convenience Stores unter ihrer Abkürzung Kombini bzw. Combini (auch Conbini) (コンビニ) bekannt. In diesen kann man nicht nur Artikel für das tägliche Leben erwerben, sondern auch seine Strom- und Telefonrechnung bezahlen. Des Weiteren kann man in diesen Kombinis Pakete zustellen lassen. Häufig befinden sich mehrere Kombini derselben Kette in enger Nachbarschaft, damit die Warenverteilung billiger und häufiger erfolgt. Diese Strategie wird als Dominant-Politik (ドミナント政策dominanto seisaku) bezeichnet. (Quelle: Wikipedia <3)
Und vor allem in der Nähe von Schulen und Unis tummeln sich Kombinis.
Später fand ich heraus, dass es sogar auf dem Unigelende einen Kombini gab. 
Der erste Kombini, den ich also betrat, war LAWSON. Ich kannte diese Ketten von meinen Recherchen und meinen langen Ich inhaliere alle Informationen, Fotos und Blogs über Japan, die ich finden kann-Nächten, aber natürlich war es etwas völlig anderes, plötzlich selbst in so einem Laden zu stehen.
































Und das war der Moment, in dem mein kritischer und (in meinen Augen zumindest) analytischer und nicht mittlerweile nicht mehr naiver Blick auf Japan, der vor allem durch zwei Jahre sozial- und kulturwissenschaftliches Japanstudium, lange Diskussionen mit meinem halbjapanischen Freund und vielen vielen Dokus und Büchern, entstanden war...wieder vollkommen in sich zusammenbrach und mich als begeistert quietschendes, verzücktes Japan-Fangirl zurückließ. 
Aber ganz im Ernst: Taschentücher. Mit Leopardenmuster. In pinker Verpackung mit knalliger Schrift und dem verzückten Gesicht eines Mangacharakters darauf gedruckt. Sorry, aber wie soll man da nicht verzückt durchdrehen (und in Kaufrausch verfallen).





Ich hielt mich dann doch erstmal zurück. Aber eine bunte, niedliche Zeitschrift musste dann doch sein. Für derartige Magazine musste ich im japanischen Importladen in Düsseldorf immer um die 15€ bezahlen. Man kann sich vorstellen, wie oft ich mir so etwas gegönnt habe. Richtig: Einmal im Jahr. Wenn die Finanzen gut standen. 
In Japan kosteten die plötzlich um die 500Yen und umgerechnet waren das sogar nur 3-4€! Ich war hin und weg.


Zurück im Wohnheim verkroch ich mich erstmal in meinem Zimmer. Ich betrachte mich eigentlich nicht als schüchtern. Aber ich brauch meine Zeit. 

Mein Zimmer war für japanische Verhältnisse wohl fast schon groß. Zumindest habe ich schon kleinere Zimmer gesehen. Ihr wisst schon, in den Dokus.
Ich war zufrieden. Bis ich erfuhr, dass es noch größere Zimmer gab :D.
Am meisten faszinierte mich natürlich die Klimaanlage. Aber in Japan sind Klimaanlagen einfach lebensnotwendig. Nach diesem Tag bei über 30°C und 90% Luftfeuchtigkeit war mir das klar.


 


Die Dusche musste ich mir mit den anderen Mädels teilen. Aber man will nicht meckern wenn man seine eigene Toilette hat.








In dem LAWSON hatte ich mir ein Fertiggericht gekauft. Ich hatte es nicht abwarten können, die berühmten japanischen Convenience-Gerichte zu probieren, die den Ruf haben, erstaunlich gut zu schmecken, für einen relativ geringen Preis und Massenfertigung.
Mein Gericht war ein "Sommernudelgericht". Es war nicht so gut wie erwartet. Vor allem stellte ich fest, dass ich keine geriebene Yamswurzel mochte :D
Dafür verlor ich mein Herz sofort an den Dosenkaffee.
Dosenkaffee erfreut sich in Japan größer Beliebtheit und kan kann ihn im Sommer kalt, im Winter warm überall kaufen: In Kombinis, Getränkeautomaten und Supermärkten.







Der erste Tag in Japan ging dann relativ schnell zu Ende. Ich blieb in meinem Zimmer und ging früh schlafen. Ich sagte noch meiner Familie Bescheid, dass ich gut angekommen war und legte mich dann ins Bett. Ich fühlte mich immer noch relativ ruhig. Weder euphorisch noch unglücklich. Ich war einfach erschöpft und gespannt, was mich jetzt erwarten würde.









Kommentare:

  1. Schön, dich in Japan zu sehen! Steht dir! ;) Ich freu mich für dich und wünsche dir eine schöne Zeit!

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  2. Dein Wohnheim, sowie die Gegend in der es liegt, sehen echt angenehm ruhig aus :)
    Erhol' dich gut von der Reise~

    Liebe Grüße





    icedmelonsoda.blogspot.de

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  3. Oh ich freu mich so für dich!
    Ich wünsche dir, dass du gut ankommst, und eine wunderschöne Zeit!
    Und so tolle Bilder... Da bekomme ich richtig "Heimweh"...

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  4. Aw bin gespannt wie es dir in Japan gefällt und was du alles erlebst! Wünsche dir gaanz viel Spaß ♡♡ dein Apartment sieht echt süß aus !♥

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  5. OMG glad you have land safely on Japan!
    Your room looks neat and compact c;
    So nice you have an onigiri on the plane!
    Xx

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  6. Cool, dass du nun dort bist. <3 Ich bin schon auf ganz viele Bilder gespannt~

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  7. Willkommen zu Japan!
    日本へようこそ!
    http://www.flickr.com/photos/kamomebird/6536385113/in/faves-34556815@N04/

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  8. Uiii schön, dass du gut angekommen bist!!! Das Flugzeugessen zum Frühstück sieht echt sehr fettig aus. So wars bei unserer letzten Japanreise auch. Davon war mir schlecht geworden (zumal mir zu der Zeit ja eh Dauerübel war wegen meiner Schwangerschaftsübelkeit....).
    Schöne erste Fotos und Eindrücke. Dein Appartement ist zwar klein aber fein, sieht sauber und gepflegt aus :)
    Ich bin ganz neidisch, du hast schon die Popteen für Oktober, ich nichmal die für September ;A;
    Du musst uns unbedingt deine Adresse schreiben, damit wir dir ein Briefchen schicken können!! ^A^
    Ich wünsch dir eine tolle Eingewöhnungszeit und alles Gute, ganz viel Spaß etc.
    Liebe Grüße

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